Tatra-Wagen im Modell

Ich hatte ihn schon auf dem Rückweg von der Schlüsselübergabe in einem Kiosk an der Metrostation Perwomajskaja gesehen und ich musste ihn haben. Ein Tatra T4 im Maßstab 1:54.

Exploring Ismajlowo

Am Sonntag habe ich mich in meinem neuen Stadtbezirk umgeschaut. Ismajlowo geht auf eine altes Dorf zurück, das seit dem 14. oder 15. Jahrhundert existiert hat. Die erste schriftliche Erwähnung war 1571. Unter Zar Alexej I. entstanden auf einer künstlichen Insel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Schloss und die bis heute erhaltene Fürbitte-Kathedrale. An dieser Hauptattraktion des Bezirks war ich bislang jedoch noch nicht. Es gibt auch einen Kreml in Ismajlowo, doch auch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Seihe heutige Gestalt nahm Ismaijowo im 20. Jahrhundert an. 1925 erreichte die Straßenbahn den Ort. Es entstanden bis zum Zweiten Weltkrieg zahlreiche Wohnsiedlungen mit Mehrfamilienhäusern, von denen noch heute viele erhalten sind. Dazwischen mischen sich Bauten aus Chruschtschows und Breschnews Zeiten sowie hier und da postsowjetische Wohnblocks. Der Bezirk ist recht grün, im Süden schließt direkt der Ismajlowski Park an, ein ausgedehntes, bewaldetes Erholungsgebiet mit mehreren Seen.

Direkt unten in meinem Haus befindet sich ein Lebensmittelladen, in der Straße gibt es noch mehr Geschäfte sowie ein Denkmal aus Sowjetzeiten, das keinerlei Anschrift trägt. Die Jetztzeit verkörpert die allgegenwärtige Kette Domino’s Pizza.

Die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen heißen alle Parkowaja Ulitsa und sind durchnummeriert, hier die neunte, die direkt zur Metrostation Perwomajskaja an der gleichnamigen Hauptstraße führt.

Auf der Perwomajskaja verkehren mehrere Straßenbahnlinien und der Trolleybus. In den Nebenstraßen hängen noch die Oberleitungen, doch die dortigen Trolleybuslinien wurden zugunsten von Dieselbussen stillgelegt. Außerdem ist die Perwomajskaja die Haupteinkaufsstraße des Bezirks mit zahlreichen kleinen Läden, Restaurants, Irish Pub und dem Einkaufszentrum Ismajlowskij. Das westliche Ende Ismajlowos markieren zwei markante hohe Häuser, die vermutlich aus den 1930e-Jahren stammen. Sie waren mir bereits aufgefallen, als ich mit Igor zur Wohnungsbesichtigung hierher gefahren war. Ebenfalls markant sind die beiden alles überragenden, weiß-braunen Wohnblocks. In deren unteren Geschossen befindet sich das besagte Einkaufszentrum.

Der Turm in der neunten Parkowaja Ulitsa gehört zu einer ehemaligen Feuerwehrwache, wie mir mein Kollege Nikolai verriet. An derselben Straße befinden sich auch das Einkaufszentrum Perwomajskij und ein Pjatjorotschka-Supermark in einem etwas eigenartigen Gebäude.

Bilder aus dem Park und von der künstlichen Insel folgen.

IKEA

An Möbeln hatte die Wohnung schon fast alles, nur ein Regal hat gefehlt. Was liegt da näher, als kurz zu IKEA fahren und ein Billy zu holen. Leider liegen die Filialen alle an diversen anderen Enden der Stadt, weshalb ich diese Aktion am Samstag auch immer weiter nach hinten schob. Am Abend brach ich schließlich auf. Mit der Metro musste ich zweimal umsteigen und die letzten Kilometer ab der Station Tjoplij Stan dann noch mit der Marschrutka fahren.

Als ich den Laden betrat, hatte ich das Gefühl, ich sei nach Ludwigsburg teleportiert worden. Allein der Kassenbereich sah so gleich aus. Dazu kam der Geruch der Köttbullar. Ich hatte mir fest vorgenommen, außer dem Regal hier nichts zu kaufen, wobei es dann auch blieb.

Da ich mein Regal nicht in der Marschrutka und der Metro transportieren wollte, nahm ich mir ein Taxi zurück. Das geht über die Yandex-App recht einfach und hat auch nicht all zu viel gekostet, obwohl ich über 40 Minuten unterwegs war.

Fancy Haushaltswaren

Am Samstag zog ich los, um die nötigsten Haushaltswaren zu besorgen. Dabei kam ich in fünf verschiedene Einkaufszentren in Ismajlowo, die fast alle noch aus Sowjetzeiten stammten und entsprechendes Flair hatten: Pjerwomajskij, Wektor, Schtscheltschok, Ismajlowskij und Ismajlowskaja Jarmaka. Dazu noch ein kleiner Laden auf der 5. Parkowskaja, aus dem das wunderschöne Messerset stammt.

Markus aus Dagestan

Am Freitag nach der Arbeit fuhr ich zur Jugo-Sapadnaja, um meine Sachen zu holen und mit dem Taxi nach Ismajlowo umzuziehen. Einen meiner Koffer hatte ich zum Glück noch gar nicht richtig ausgepackt, das sollte also schnell gehen. Ich schaute noch beim Bierladen vorbei, doch da war bereits alles ausverkauft. Als ich in die Wohnung kam, hatte ich schon wieder zwei neue Mitbewohner, ein Paar Anfang 30. Er stellte sich als Markus vor und wollte zuerst nicht genau sagen, wo er herkam. Er bot mir Bier und Chicken Nuggets an. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass er aus Dagestan kam. Der Ruf der Dagestaner steht dem der Tschetschenen in nichts nach. Ich kenne Leute in Russland, die niemals einen Fuß nach Dagestan setzen würden. Vermutlich hätte ihn auch sein echter Vorname als einen Kollegen aus dem Nordkaukasus verraten. Als ich ihm erzählte, dass ich schonmal einen Tag in Machatschkala war, konnte er es kaum glauben. Seine Freundin Schanna kam aus Kirgistan. Wir tranken Bier und unterhielten uns eine Weile. Er arbeitete im Tiefbau und war hier auch nur für eine Nacht, dann ging es auf eine andere Baustelle. Auf Ramsan Kadyrow, den zweifelhaften Präsidenten Tschetscheniens, hielt er große Stücke. Außerdem müsse ich mir unbedingt einmal das wiederaufgebaute Grosny anschauen. Als das Bier ausging, holten wir neues bei Pjatjorotschka.

Gegen neun Uhr Abends bestellte er mir ein Taxi und half mir noch, die ganzen Taschen hinunterzutragen. Die Fahrt war eine schöne Gelegenheit, einmal etwas von der Stadt zu sehen, die ich ja sonst fast nur unterirdisch kenne. Nach etwa 40 Minuten war ich am Ziel. Der Fahrer half mir auch noch mit den Koffern bis zum Fahrstuhl und da war ich nun in meinem neuen Zuhause!

„Jetzt bist du Moskauer.“

Ich fuhr am Freitag früh mit der Metro nach Ismajlowo zur Schlüsselübergabe. Die erste Miete und den Rest der Provision sollte ich in bar mitbringen. Igor kam auch dazu. Als ich bei der Sberbank dann das Geld abheben wollte, machte sich erstmal Panik breit: maximaler Auszahlungsbetrag für Fremdkunden 7.500 Rubel. Na toll, damit kam ich nicht weit. Ich rief Igor an, der konnte auch noch etwas beisteuern. Bei der Fora-Bank bekam ich gar nichts, weil mein Verfügungsrahmen angeblich überschritten war. Wir versuchten es noch vergeblich bei einer anderen Sberbank-Filiale, dann war es auch schon Zeit. Für die Provision hatten wir immerhin genug zusammen.

Ksenija erwartete uns in der Nachbarwohnung, die ihnen offenbar auch gehörte. Mit einem Schoßhund auf dem Arm öffnete sie die Tür. Alexander füllte den Mietvertrag aus. Dass ich die Miete nicht dabei hatte, war überhaupt kein Problem. Nur fuhr Ksenija bald in die Türkei, weshalb sie mir die Nummer einer Freundin gab. Ihr sollte ich das Geld bis nächsten Mittwoch übergeben. Alles völlig unkompliziert. In einer halben Stunde waren wir fertig. Ich hielt den Schlüssel in der Hand, Ksenija gab mir den Code für die Haustür. „Jetzt bist du Moskauer“, sagte Igor im Aufzug.

Auf Wohnungssuche – einfacher als gedacht

Igor von der Arbeit hatte für mich schon etwas herumtelefoniert und mir dankenswerterweise angeboten, mich bei den anstehenden Besichtigungsterminen zu begleiten. Am Donnerstagnachmittag sollte es losgehen. Zunächst hatte ich mich bei der Sichtung der Angebote eher auf den Südwesten konzentriert, doch auf Anraten der Kollegen schaute ich nun auch im Nordosten, in Ismajlowo und Preobraschenskoje. Dort waren die Mieten etwas günstiger, wenngleich diese Viertel auch ein ganzes Stück weiter außerhalb liegen. Auf den einschlägigen Portalen hatten mich schon vor Monaten die Hinweise „nur für Slawen“ irritiert, die bei einer Großzahl der Anzeigen zu lesen waren. Russische Bekannte hatten mich schon beruhigt, das würde sich nicht gegen Europäer richten, sondern gegen Migranten aus Mittelasien, Tadschikistan, Usbekistan und so weiter. Die würden die Wohnungen oft in desolatem Zustand hinterlassen und ganze Großfamilien in Zweizimmerwohnungen unterbringen. Auch Tschetschenen seien natürlich gefürchtet. Nun habe ich immerhin einen slawischen Vornamen. Wie es jemandem ergehen kann, der durch seinen Namen und seine Herkunft weniger im Vorteil ist, kann man hier lesen. Als ich einer Bekannten sagte, dass so ein Hinweis in Deutschland einen mittlerer Skandal auslösen könnte, antwortete sie: „Wir Russen sind eben direkt.“

„Kannst du auch jetzt schon?“, fragte Igor kurz nach Mittag. Wir hatten schon bald einen Termin in Ismajlowo. Ich packte meine Sachen und wir gingen zur Metro. Igor hatte sein Auto in der Nähe bei der Kurskaja geparkt, dorthin hatte er auch die Maklerin gelotst. Es war ordentlich heiß, die Sonne brannte herunter, man konnte kaum etwas auf dem Handydisplay sehen. Nach kaum zwei Minuten kam Ekaterina, unsere Maklerin, um die Ecke. Sie war wohl Mitte 40, trug ein Blumenkleid und Sandaletten, dazu blau-weiß melierte Fingernägel und ein tapsiger Gang. Sie war mir gleich sympathisch. Wir gingen zu Igors Auto, das eine ganze Strecke weit entfernt geparkt war. Zusammen ging es dann auf einer Stadtautobahn bis Ismajlowo, vorbei an bis zu 30-stöckigen Wohnblocks, Gewerbegebieten und am Stadion von Lokomotive Moskau. Das Haus, ein neunstöckiger Wohnblock aus Ziegelstein, vermutlich aus den 1960er-Jahren, befand sich an einer vierspurigen Straße, auf deren Mittelstreifen sich ein mit Baumreihen gesäumter Fußgängerweg befand. Es war nur wenig Verkehr.

Im Hausflur roch es ziemlich modrig, man konnte meinen, sei Katzendreck, aber es war vermutlich die Kanalisation. Die Wohnung befand sich in der vierten von neun Etagen – nach russischer Zählung. Wie in vielen anderen Ländern auch, zählt hier das Erdegeschoss als die 1. Eine hübsche blonde Frau in Hauskittel und Badeschlappen öffnete die Tür. Die Wohnung, ein Zimmer mit Kochnische und Bad, hatte ihren einstigen Sowjet-Charme offenbar bei einer Renovierung in den vergangenen 15 Jahren eingebüßt. Dafür war sie recht wohnlich, Kunststofftapeten mit Ornamenten, eine Seite beige, eine braun, PVC-Boden in Holzoptik, Küchenmöbel mit Buchenfurnier. In der Kochnische hatte sich noch eine kleine Fläche mit hellgrünen und weißen Kacheln aus der Entstehungszeit erhalten. Das Bad war sauber und es gab einen kleinen, hölzernen Loggia-Balkon.

Igor gab mir zu verstehen, dass die Wohnung auf jeden Fall nicht schlecht sei für den Preis. Es stellte sich heraus, dass die Frau nicht selbst die Besitzerin war. Die Wohnung gehörte ihrem Mann, der jedoch beruflich in Kiew war. Sie konnte die Dokumente, die den Besitz nachgewiesen hätten, nicht finden und wurde unsicher, verlor sich in endlosen Monologen, von denen ich nur einen Teil verstand. Es wurde aber schnell klar, dass sie mir die Wohnung geben würde, sie fand mich offenbar vertrauenswürdig. Ekaterina und Igor hatten da allerdings bei ihr zunächst so ihre Zweifel. Wir telefonierten noch mit Aleksandr, dem Kollegen von Ekaterina, während uns Ksenija, die Frau des Besitzers, weiter Geschichten erzählte. Im Aufzug konnte Ekaterina kaum das Lachen unterdrücken, Ksenija hatte eine etwas bizarre Show abgeliefert. Es war klar: Würde sie die Dokumente finden, würde die Wohnung in jedem Fall in Betracht kommen. Wir brachten Ekaterina noch zur Metro und hatten dann eine ganze Weile Zeit bis zum nächsten Termin.

Dunkle Schrankwände, Teppich überall

Igor schlug vor, auf dem nahegelegenen Markt etwa zum Essen zu besorgen. Es begann langsam gewittrig zu werden. Auf dem Weg vom Auto zum Markt kehrten wir nochmal um, um Regeschirme mitzunehmen. Keine schlechte Entscheidung. Kaum waren wir an den ersten Ständen, brach es auch schon los. Und wie! Wir flüchteten uns unter die Markise eines Fischstands und warteten, bis der Guss vorüber war. Dann rüber zum Bäckerei, Piroggen mit Kräuterfüllung holen. Während wir dort aßen, ging es wieder los. Innerhalb von Sekunden war der Platz wie leer gefegt, nach einer Weile hatten sich regelrechte Seen gebildet.

Die zweite Maklerin war deutlich jünger und von der etwas derberen Sorte, in einem knappen schwarzen Kleid mit transparentem Überrock, dazu High Heels. Sie hatte uns eine ganze Reihe an Wohnungen zu zeigen. Die erste befand sich ein Stück näher am Zentrum in Preobraschenskoje, doch weiter von der nächsten Metrostation. Ein Plattenbau aus den 1970ern an einer Hauptstraße, die Wohnung war im Erdgeschoss. Die mutmaßliche Besitzerin war gerade dabei, das Bad zu putzen, es roch streng nach Chlorreiniger. Das Wohnzimmer war recht groß, doch eine massive dunkle Schrankwand wirkte erdrückend. Die Küche hatte eine kleine Sitzecke mit Holzbänken, fast etwas alpin-landhausmäßig. Bezahlbar, praktischer Grundriss, aber wohl gefühlt hätte ich mich hier nicht, eher etwas deprimierend.

Also weiter. Es wurde nicht besser. In einem Wohnblockviertel nahe der besagten Stadtautobahn war die nächste Option. Wieder eine Erdgeschosswohnung. Ein älterer Typ machte auf, der Fernseher lief. Alles war mit Teppich ausgelegt, sogar die Küche. Die Wohnung war recht groß, aber auch ziemlich desolat und dreckig wie die Sau. Vor allem sah es aus, als würde der Kerl da selber wohnen oder als sei der eigentliche Bewohner nur gerade Zigaretten holen gegangen. Trashige Deko-Accessoires auf dem Wohnzimmerschrank, überall irgendwelches Zeug. Hier mussten wir uns nicht lange aufhalten.

Nun fuhren wir zurücknach Ismajlowo, dieses Mal in den Süden, wo der riesige Ismajlovskij Park anschließt. Zunächst gab es zwei Wohnungen im selben Hochhaus, das vermutlich aus den 1990ern stammte. Ein Hausverwalter, der gut Englisch sprach, führte uns durchs Haus. Allerdings verirrten wir uns unterwegs, er probierte eine Weile mit dem Schlüssel herum, bis jemand feststellte, dass wir im falschen Stockwerk waren. Die Wohnungen waren fast identisch, nur eine mit Teppich, eine mit PVC-Boden. Auch hier eine Sitzecke in der Küche, beide ganz passabel und recht weit oben, achte und neunte Etage etwa. Ich hatte diejenige ohne Teppich ernsthaft in Betracht gezogen, bis ich den Preis erfuhr. Auch wenn wir ihn noch um 2.000 Rubel heruntergehandelt hätten, das war nicht drin. Schade.

Schick, doch nicht bezahlbar

Ein paar Straßen weiter dann wieder so ein Block aus den 1970ern oder frühen 1980ern, direkt am Rand des Parks. Die Wohnung im 6. Stock mit herrlicher Aussicht, eine Einbauküche mit Holzdekor, alles recht passabel. Doch auch hier ein gutes Viertel über dem, was ich mir als Obergrenze gesetzt hatte. Zwischenzeitlich hatte Aleksandr angerufen. Ksenia hatte tatsächlich die fehlenden Dokumente gefunden. Außerdem wollte er uns später noch eine weitere Wohnung in Preobraschenskoje zeigen. Ich hatte ohnehin die ganze Zeit zu der ersten Wohnung tendiert. Ksenija mochte etwas speziell sein, aber doch eigentlich in Ordnung.

Vorher gab es noch eine weitere Wohnung zu besichtigen, bei der schon klar war, dass sie zu teuer sein würde. Doch unsere Maklerin hatte uns schon angemeldet. Dieses Mal war es ein Haus aus Stalins Zeiten. Wir dachten zuerst an die 1930er-Jahre, doch der Hausverwalter erzählte uns, dass es in der Nachkriegszeit von deutschen Kriegsgefangenen gebaut worden war. Es hatte Charme. Ein Treppenhaus mit hölzernem Geländer. Die Wohnung war beinahe etwas orientalisch gestaltet, viel Gold, hohe Decken, ein eigentümlicher Grundriss. Ansprechend, aber eben nicht bezahlbar.

Nun mussten wir eine Weile auf Aleksandr warten, es war schon gegen acht Uhr abends. Ich hatte mittlerweile beschlossen, die erste Wohnung in Ismajlowo zu nehmen, wenn diese letzte nichts sein würde. Die war dann zwar ganz passabel, doch auch wieder so eine Erdgeschosswohnung. Meine Entscheidung stand.

Wir regelten alles direkt hier am Parkplatz. Aleksandr rief Ksenija an, ich gab ihm eine Anzahlung für die Provision, bekam eine Quittung und wir verabredeten uns am nächsten Morgen um zehn vor der Wohnung.

Jetzt durfte nur nichts mehr schief gehen.


Im Verhältnis zu Deutschland sind die Kautionen in Russland verhältnismäßig niedrig. Sie betragen in der Regel eine Monatsmiete, manchmal auch weniger. Ich musste gar keine Zahlen. Die allermeisten Wohnungen werden über Makler vermietet. Die Provision kostet meist eine Monatsmiete.

Nochmal um den Block

Am Mittwoch war abends traumhaftes Wetter, weshalb ich nach der Arbeit noch einmal planlos mit der Kamera loszog. Zunächst machte ich ein paar Busfotos an der Haltestelle vor der Haustür, ATS (Awtomatitscheskaja telefonnaja stanzia). Zu sehen gab es einen SVARZ-Trolleybus, einen LIAZ-Gelenkbus und eine Iveco-Marschrutka. Weiter die 26 Bakinskich Kommissarow hinauf, an der Kreuzung mit dem Leninskij Prospekt, waren mehrere architektonische Highlights zu entdecken. Noch aus Sowjetzeiten stammt das Gebäude, in dem sich die Raiffeisenbank befindet. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung steht eine beeindruckende Wohnanlage, die auf den ersten Blick nach Brutalismus aussieht. Schaut man jedoch genau hin, entpuppt sich die Fassade als gekachelt. Der Bau dürfte recht jung sein und gefiel mir mit seiner Anlehnung an den Brutalismus der 1970er-Jahre ausgesprochen gut. Zurück ging es dann ein Stück durch den Troparewo-Beresowaja-Roschtscha-Park.

Kurz vor meinem Haus entdeckte ich noch einen mir bislang unbekannten Awoska-Supermarkt. Da ich ohnehin einkaufen wollte, ging ich gleich hinein. Beim Betrachten der obskuren Biersorten fragten mich zwei Damen, ob ich mich auskenne. Sie waren auf der Suche nach gutem deutschem oder tschechischem Bier. Ich denke, mit Spaten und Kozel waren sie ganz gut bedient. Selber erfreute ich mich an deutschen Bieren wie „Schlitz Premium Helles“, was wohl nur für den Exportmarkt produziert wird. Ebenfalls amüsant waren die Schnitzel „Minister Art“, wobei es sich um völlig banale panierte Schnitzel gehandelt hat.

Zuletzt machte ich noch ein Foto von meinem Haus, solange ich noch hier wohnte. Am Donnerstag sollte es dann auf Wohnungssuche gehen.

Abendlicher Bahnfreak-Ausflug mit Michail und ein georgisches Gelage

Als ich am Dienstag von der Arbeit kam, schrieb mir Michail, den ich schon von früheren Aufenthalten in Moskau kannte, ob ich Lust auf eine kleine Fahrt mit dem neuen „Ivolga“ hätte. Eigentlich war mir eher nach Chillout, doch das Angebot konnte ich auch nicht ausschlagen. Wir verabredeten uns am Kiewer Bahnhof, wo wir vergangenen Winter schon einige Fotos gemacht hatten.

Der „Ivolga“ (Pirol) ist ein elektrischer Nahverkehrstriebzug der Twerer Waggonfabrik, der seit 2017 auf Moskauer Vorortlinien im Einsatz ist. Michail ist ein großer Fan russischer Ingenieurskunst und pries in aller Ausführlichkeit die Vorzüge des „Ivolga“ gegenüber dem von Siemens entwickelten „Lastotschka“ (Schwalbe), der auf der Moskauer Ringlinie MCC (Moscow Central Circle) zum Einsatz kommt.

Wir gingen auf den Bahnsteig, wo der Zug schon bereit stand, um um 20:07 Uhr nach Nowoperedelkino abzufahren. Nachdem wir Fotos gemacht hatten und gerade in Richtung Fahrkartenautomaten aufbrachen, öffnete der Fahrer sein Fenster und begann Michail anzumotzen, ob er ihn nicht hätte fragen können, wenn er ihn fotografiere. Beim nächsten Mal würde er ihn verprügeln und seine Kamera smashen. Es folgte eine längere Diskussion, Michail versuchte zunächst zu beschwichtigen und erklärte ihm, dass man ihn auf dem Foto gar nicht erkenne. Als er ihm schließlich das Foto zeigen wollte, erwiderte der aufgebrachte Fahrer, er wolle es gar nicht sehen und knalle genervt das Fenster zu. Michail war etwas aufgebracht. Fotografieren auf Bahnhöfen ist in Russland jedenfalls legal und an sich auch kein Problem. Der Mann hatte wohl einfach einen schlechten Tag.

Wir zogen uns Tickets und gingen zurück zum Zug. Die etwas über 20 Minuten lange Fahrt ging zunächst die Hauptstrecke in Richtung Brjansk entlang. Michail referierte über die Federung der Drehgestelle. Nach dem vorletzten Bahnhof Solnetschnaja bog unser Zug auf die Stichstrecke nach Nowoperedelkino ab, die erst vor einigen Jahren im Personenverkehr eröffnet wurde und vorher nur Güterzügen gedient hatte. Auf dem zweiten Gleis stand schon der Zug der Gegenrichtung bereit und fuhr bald ab. Bei unserem Zug gingen die Frontscheinwerfer in Richtung Kiewer Bahnhof an, der nette Fahrer hatte also schon den Führerstand gewechselt. Besser kein Foto machen. Zur Not, meinte Michail, habe er ein Mittel gegen solche „Gopniks“ dabei und zeigte auf eine Dose Pfefferspray in seiner Tasche. Muss sich normal nicht das Zugpersonal vor rabiaten Fahrgästen schützen und nicht umgekehrt? Ich fand, er übertrieb es ein wenig. Zurück in die Stadt fuhren wir mit dem Bus der Linie 707 bis zur Metrostation Troparjowo an der Sokolnitscheskaja-Linie, an der auch meine Station Jugo-Sapadnaja liegt. Wir fuhren allerdings zuerst noch ein Stück stadtauswärts, da mir Michail die 2016 eröffnete Station Rumjanzewo zeigen wollte. Diese erinnert etwas an die Werke Piet Mondrians und begeisterte mich sofort.

Als ich dann in meine Unterkunft kam, hatte ich einen neuen Mitbewohner, einen Georgier, der seit über 20 Jahren in Spanien lebte. Er hatte seinen Kumpel zu Besuch, der hier um die Ecke wohnt und die beiden waren gerade am Essen herrichten, was ich nun ebenfalls vor hatte. Sie boten mir von ihrem Wodka an und wir hatten einen lustigen Abend. Die beiden passten perfekt in mein Bild, demzufolge die Georgier das trinkfreudigste und geselligste Volk der Welt sind. Wir tranken auf Tiflis, auf Deutschland, auf unser Treffen und was sonst noch. Sie planten, im Lauf der Woche mit dem Auto bis nach Tiflis zu fahren und luden mich direkt ein, mit ihnen mitzukommen. Wie gerne hätte ich das gemacht! Doch das war weder mit meiner Arbeit noch mit meinem Visum vereinbar. Als die Flasche Parliament halb leer war und der spanische Käse und Schinken verspeist waren, legten wir uns schließlich schlafen.

Bier holen auf Russisch

Am Montag nach der Arbeit schaute ich bei dem tags zuvor entdeckten Biergeschäft im örtlichen Ladenzentrum vorbei. Eine dunkle Treppe führt an der hinteren Ecke desselben hinunter in den Keller. Ein älterer Typ saß dort mit einem Bierglas am Tresen, ein jüngerer stand dahinter. Was sie für Sorten auf Lager hätten, fragte ich. Es gab neben dem allgegenwärtigen Schiguljewskoje auch ein IPA, „Irish Ale“, „Weiss Berg“ (vermutlich ein Weißbier) und diverses mehr. Als ich ihnen erzählte, dass ich aus Deutschland komme, meinten Sie, ich müsse unbedingt das Pils probieren. Also gut, einen Liter Pils und einen Liter Schiguljewskoje bitte! Für deutsche Gewohnheiten etwas befremdlich ist, dass das Bier aus der Zapfanlage in Plastikflaschen abgefüllt wird. Geschmeckt haben beide recht gut. Für russische Verhältnisse war das Pils tatsächlich recht herb, beide waren typisch süffig, wie man es in Russland gewohnt ist. Beim nächsten Mal werden die obskureren Sorten probiert.