Tatra-Wagen im Modell

Ich hatte ihn schon auf dem Rückweg von der Schlüsselübergabe in einem Kiosk an der Metrostation Perwomajskaja gesehen und ich musste ihn haben. Ein Tatra T4 im Maßstab 1:54.

Fancy Haushaltswaren

Am Samstag zog ich los, um die nötigsten Haushaltswaren zu besorgen. Dabei kam ich in fünf verschiedene Einkaufszentren in Ismajlowo, die fast alle noch aus Sowjetzeiten stammten und entsprechendes Flair hatten: Pjerwomajskij, Wektor, Schtscheltschok, Ismajlowskij und Ismajlowskaja Jarmaka. Dazu noch ein kleiner Laden auf der 5. Parkowskaja, aus dem das wunderschöne Messerset stammt.

„Jetzt bist du Moskauer.“

Ich fuhr am Freitag früh mit der Metro nach Ismajlowo zur Schlüsselübergabe. Die erste Miete und den Rest der Provision sollte ich in bar mitbringen. Igor kam auch dazu. Als ich bei der Sberbank dann das Geld abheben wollte, machte sich erstmal Panik breit: maximaler Auszahlungsbetrag für Fremdkunden 7.500 Rubel. Na toll, damit kam ich nicht weit. Ich rief Igor an, der konnte auch noch etwas beisteuern. Bei der Fora-Bank bekam ich gar nichts, weil mein Verfügungsrahmen angeblich überschritten war. Wir versuchten es noch vergeblich bei einer anderen Sberbank-Filiale, dann war es auch schon Zeit. Für die Provision hatten wir immerhin genug zusammen.

Ksenija erwartete uns in der Nachbarwohnung, die ihnen offenbar auch gehörte. Mit einem Schoßhund auf dem Arm öffnete sie die Tür. Alexander füllte den Mietvertrag aus. Dass ich die Miete nicht dabei hatte, war überhaupt kein Problem. Nur fuhr Ksenija bald in die Türkei, weshalb sie mir die Nummer einer Freundin gab. Ihr sollte ich das Geld bis nächsten Mittwoch übergeben. Alles völlig unkompliziert. In einer halben Stunde waren wir fertig. Ich hielt den Schlüssel in der Hand, Ksenija gab mir den Code für die Haustür. „Jetzt bist du Moskauer“, sagte Igor im Aufzug.

Auf Wohnungssuche – einfacher als gedacht

Igor von der Arbeit hatte für mich schon etwas herumtelefoniert und mir dankenswerterweise angeboten, mich bei den anstehenden Besichtigungsterminen zu begleiten. Am Donnerstagnachmittag sollte es losgehen. Zunächst hatte ich mich bei der Sichtung der Angebote eher auf den Südwesten konzentriert, doch auf Anraten der Kollegen schaute ich nun auch im Nordosten, in Ismajlowo und Preobraschenskoje. Dort waren die Mieten etwas günstiger, wenngleich diese Viertel auch ein ganzes Stück weiter außerhalb liegen. Auf den einschlägigen Portalen hatten mich schon vor Monaten die Hinweise „nur für Slawen“ irritiert, die bei einer Großzahl der Anzeigen zu lesen waren. Russische Bekannte hatten mich schon beruhigt, das würde sich nicht gegen Europäer richten, sondern gegen Migranten aus Mittelasien, Tadschikistan, Usbekistan und so weiter. Die würden die Wohnungen oft in desolatem Zustand hinterlassen und ganze Großfamilien in Zweizimmerwohnungen unterbringen. Auch Tschetschenen seien natürlich gefürchtet. Nun habe ich immerhin einen slawischen Vornamen. Wie es jemandem ergehen kann, der durch seinen Namen und seine Herkunft weniger im Vorteil ist, kann man hier lesen. Als ich einer Bekannten sagte, dass so ein Hinweis in Deutschland einen mittlerer Skandal auslösen könnte, antwortete sie: „Wir Russen sind eben direkt.“

„Kannst du auch jetzt schon?“, fragte Igor kurz nach Mittag. Wir hatten schon bald einen Termin in Ismajlowo. Ich packte meine Sachen und wir gingen zur Metro. Igor hatte sein Auto in der Nähe bei der Kurskaja geparkt, dorthin hatte er auch die Maklerin gelotst. Es war ordentlich heiß, die Sonne brannte herunter, man konnte kaum etwas auf dem Handydisplay sehen. Nach kaum zwei Minuten kam Ekaterina, unsere Maklerin, um die Ecke. Sie war wohl Mitte 40, trug ein Blumenkleid und Sandaletten, dazu blau-weiß melierte Fingernägel und ein tapsiger Gang. Sie war mir gleich sympathisch. Wir gingen zu Igors Auto, das eine ganze Strecke weit entfernt geparkt war. Zusammen ging es dann auf einer Stadtautobahn bis Ismajlowo, vorbei an bis zu 30-stöckigen Wohnblocks, Gewerbegebieten und am Stadion von Lokomotive Moskau. Das Haus, ein neunstöckiger Wohnblock aus Ziegelstein, vermutlich aus den 1960er-Jahren, befand sich an einer vierspurigen Straße, auf deren Mittelstreifen sich ein mit Baumreihen gesäumter Fußgängerweg befand. Es war nur wenig Verkehr.

Im Hausflur roch es ziemlich modrig, man konnte meinen, sei Katzendreck, aber es war vermutlich die Kanalisation. Die Wohnung befand sich in der vierten von neun Etagen – nach russischer Zählung. Wie in vielen anderen Ländern auch, zählt hier das Erdegeschoss als die 1. Eine hübsche blonde Frau in Hauskittel und Badeschlappen öffnete die Tür. Die Wohnung, ein Zimmer mit Kochnische und Bad, hatte ihren einstigen Sowjet-Charme offenbar bei einer Renovierung in den vergangenen 15 Jahren eingebüßt. Dafür war sie recht wohnlich, Kunststofftapeten mit Ornamenten, eine Seite beige, eine braun, PVC-Boden in Holzoptik, Küchenmöbel mit Buchenfurnier. In der Kochnische hatte sich noch eine kleine Fläche mit hellgrünen und weißen Kacheln aus der Entstehungszeit erhalten. Das Bad war sauber und es gab einen kleinen, hölzernen Loggia-Balkon.

Igor gab mir zu verstehen, dass die Wohnung auf jeden Fall nicht schlecht sei für den Preis. Es stellte sich heraus, dass die Frau nicht selbst die Besitzerin war. Die Wohnung gehörte ihrem Mann, der jedoch beruflich in Kiew war. Sie konnte die Dokumente, die den Besitz nachgewiesen hätten, nicht finden und wurde unsicher, verlor sich in endlosen Monologen, von denen ich nur einen Teil verstand. Es wurde aber schnell klar, dass sie mir die Wohnung geben würde, sie fand mich offenbar vertrauenswürdig. Ekaterina und Igor hatten da allerdings bei ihr zunächst so ihre Zweifel. Wir telefonierten noch mit Aleksandr, dem Kollegen von Ekaterina, während uns Ksenija, die Frau des Besitzers, weiter Geschichten erzählte. Im Aufzug konnte Ekaterina kaum das Lachen unterdrücken, Ksenija hatte eine etwas bizarre Show abgeliefert. Es war klar: Würde sie die Dokumente finden, würde die Wohnung in jedem Fall in Betracht kommen. Wir brachten Ekaterina noch zur Metro und hatten dann eine ganze Weile Zeit bis zum nächsten Termin.

Dunkle Schrankwände, Teppich überall

Igor schlug vor, auf dem nahegelegenen Markt etwa zum Essen zu besorgen. Es begann langsam gewittrig zu werden. Auf dem Weg vom Auto zum Markt kehrten wir nochmal um, um Regeschirme mitzunehmen. Keine schlechte Entscheidung. Kaum waren wir an den ersten Ständen, brach es auch schon los. Und wie! Wir flüchteten uns unter die Markise eines Fischstands und warteten, bis der Guss vorüber war. Dann rüber zum Bäckerei, Piroggen mit Kräuterfüllung holen. Während wir dort aßen, ging es wieder los. Innerhalb von Sekunden war der Platz wie leer gefegt, nach einer Weile hatten sich regelrechte Seen gebildet.

Die zweite Maklerin war deutlich jünger und von der etwas derberen Sorte, in einem knappen schwarzen Kleid mit transparentem Überrock, dazu High Heels. Sie hatte uns eine ganze Reihe an Wohnungen zu zeigen. Die erste befand sich ein Stück näher am Zentrum in Preobraschenskoje, doch weiter von der nächsten Metrostation. Ein Plattenbau aus den 1970ern an einer Hauptstraße, die Wohnung war im Erdgeschoss. Die mutmaßliche Besitzerin war gerade dabei, das Bad zu putzen, es roch streng nach Chlorreiniger. Das Wohnzimmer war recht groß, doch eine massive dunkle Schrankwand wirkte erdrückend. Die Küche hatte eine kleine Sitzecke mit Holzbänken, fast etwas alpin-landhausmäßig. Bezahlbar, praktischer Grundriss, aber wohl gefühlt hätte ich mich hier nicht, eher etwas deprimierend.

Also weiter. Es wurde nicht besser. In einem Wohnblockviertel nahe der besagten Stadtautobahn war die nächste Option. Wieder eine Erdgeschosswohnung. Ein älterer Typ machte auf, der Fernseher lief. Alles war mit Teppich ausgelegt, sogar die Küche. Die Wohnung war recht groß, aber auch ziemlich desolat und dreckig wie die Sau. Vor allem sah es aus, als würde der Kerl da selber wohnen oder als sei der eigentliche Bewohner nur gerade Zigaretten holen gegangen. Trashige Deko-Accessoires auf dem Wohnzimmerschrank, überall irgendwelches Zeug. Hier mussten wir uns nicht lange aufhalten.

Nun fuhren wir zurücknach Ismajlowo, dieses Mal in den Süden, wo der riesige Ismajlovskij Park anschließt. Zunächst gab es zwei Wohnungen im selben Hochhaus, das vermutlich aus den 1990ern stammte. Ein Hausverwalter, der gut Englisch sprach, führte uns durchs Haus. Allerdings verirrten wir uns unterwegs, er probierte eine Weile mit dem Schlüssel herum, bis jemand feststellte, dass wir im falschen Stockwerk waren. Die Wohnungen waren fast identisch, nur eine mit Teppich, eine mit PVC-Boden. Auch hier eine Sitzecke in der Küche, beide ganz passabel und recht weit oben, achte und neunte Etage etwa. Ich hatte diejenige ohne Teppich ernsthaft in Betracht gezogen, bis ich den Preis erfuhr. Auch wenn wir ihn noch um 2.000 Rubel heruntergehandelt hätten, das war nicht drin. Schade.

Schick, doch nicht bezahlbar

Ein paar Straßen weiter dann wieder so ein Block aus den 1970ern oder frühen 1980ern, direkt am Rand des Parks. Die Wohnung im 6. Stock mit herrlicher Aussicht, eine Einbauküche mit Holzdekor, alles recht passabel. Doch auch hier ein gutes Viertel über dem, was ich mir als Obergrenze gesetzt hatte. Zwischenzeitlich hatte Aleksandr angerufen. Ksenia hatte tatsächlich die fehlenden Dokumente gefunden. Außerdem wollte er uns später noch eine weitere Wohnung in Preobraschenskoje zeigen. Ich hatte ohnehin die ganze Zeit zu der ersten Wohnung tendiert. Ksenija mochte etwas speziell sein, aber doch eigentlich in Ordnung.

Vorher gab es noch eine weitere Wohnung zu besichtigen, bei der schon klar war, dass sie zu teuer sein würde. Doch unsere Maklerin hatte uns schon angemeldet. Dieses Mal war es ein Haus aus Stalins Zeiten. Wir dachten zuerst an die 1930er-Jahre, doch der Hausverwalter erzählte uns, dass es in der Nachkriegszeit von deutschen Kriegsgefangenen gebaut worden war. Es hatte Charme. Ein Treppenhaus mit hölzernem Geländer. Die Wohnung war beinahe etwas orientalisch gestaltet, viel Gold, hohe Decken, ein eigentümlicher Grundriss. Ansprechend, aber eben nicht bezahlbar.

Nun mussten wir eine Weile auf Aleksandr warten, es war schon gegen acht Uhr abends. Ich hatte mittlerweile beschlossen, die erste Wohnung in Ismajlowo zu nehmen, wenn diese letzte nichts sein würde. Die war dann zwar ganz passabel, doch auch wieder so eine Erdgeschosswohnung. Meine Entscheidung stand.

Wir regelten alles direkt hier am Parkplatz. Aleksandr rief Ksenija an, ich gab ihm eine Anzahlung für die Provision, bekam eine Quittung und wir verabredeten uns am nächsten Morgen um zehn vor der Wohnung.

Jetzt durfte nur nichts mehr schief gehen.


Im Verhältnis zu Deutschland sind die Kautionen in Russland verhältnismäßig niedrig. Sie betragen in der Regel eine Monatsmiete, manchmal auch weniger. Ich musste gar keine Zahlen. Die allermeisten Wohnungen werden über Makler vermietet. Die Provision kostet meist eine Monatsmiete.