„Das ist ein Problem.“ – Beim Generalkonsulat in Frankfurt

Meine erste Begegnung mit der russischen Bürokratie sollte schon einige Wochen vor meinem Aufbruch nach Moskau stattfinden. Für ein Arbeitsvisum musste ich beglaubigte Übersetzungen meiner Hochschulzeugnisse anfertigen lassen. Dazu brauchte ich einen Termin beim Generalkonsulat der Russischen Föderation in Frankfurt am Main. Da ich schon befürchtet hatte, dass ich auf eine Antwortmail lange warten würde, versuchte ich es am Telefon. Da begrüßte mich allerdings nur eine Bandansage, die mir dieselben Informationen vortrug, die ich ohnehin schon der Website entnommen hatte. Eine andere Telefonnummer gab es nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als es doch per Mail zu versuchen. Als ich dies meinem zukünftigen Kollegen Daniel erzählte, meinte er nur: „Ich würde da Telefonterror probieren.“ Nun, das war leider keine Option. Nach einigen Wochen, ich hatte nicht mehr damit gerechnet, kam jedoch tatsächlich eine Antwort mit einem Terminvorschlag. An einem Montag Ende April sollte ich mich morgens um 10:10 Uhr im Generalkonsulat an der Eschenheimer Anlage einfinden. Da mein Freund Volker im Frankfurter Nordend wohnt, konnte ich entspannt bei ihm Übernachten und vorher noch einmal gemeinsam Grüne Soße essen und ein paar Bembel Apfelwein leeren.

Volker begleitete mich am Morgen noch bis zum Konsulat. Ich hatte eine Nummer bekommen, die ich am Eingang vorzeigen sollte. Unterwegs fiel mir noch ein, dass ich gelesen hatte, dass man Mobiltelefone im Gebäude des Konsulats nicht benutzen dürfe. Natürlich hatte ich die Nummer auf meinem Telefon. Ich versuchte noch, sie auswendig zu lernen, zog es dann aber vor, in einer Apotheke nach einem Kugelschreiber zu fragen. Denn meinen Rucksack hatte ich nicht dabei, Rucksäcke waren nämlich auch verboten und es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man diese auch nirgends verstauen könne.

Der Eingang des Konsulats war offensichtlich am Oeder Weg, auf meiner Einladung stand jedoch die Eschenheimer Anlage, die Straße auf der anderen Seite des Gebäudes. Ich klingelte dort und bekam nur zu hören: „Anderer Eingang.“ Also ums Gebäude rum zu der kleinen Schlange, die ich schon vorhin gesehen hatte. Volker vermutete, dass sie die Escheneimer Anlage angeben, weil sie etwas mondäner klingt als der Oeder Weg. Durchaus vorstellbar. Hinter mir kam ein junger Typ, der mich fragte, ob man hier denn einen Termin brauche, er hätte gerne ein Visum. Der hatte Nerven, aber natürlich. Ich dagegen wurde von dem Portier in blau-weißem Anzug eingelassen und sollte zu Schalter 1. Immerhin musste man für diesen keine Nummer ziehen. Nach einer gewissen Wartezeit war ich an der Reihe und legte dem mit weißem Hemd und Krawatte gekleideten Beamten meine Dokumente vor, Original und Übersetzung.

„Sie heißen hier ‚Jiri‘ und hier ‚Иржи‘ (sprich ‚Jirschi‘). Da hatte ich wieder einmal den Salat mit meinem Namen. Als meine Eltern mit vor knapp vier Jahrzehnten in einem Stuttgarter Standesamt einen tschechischen Vornamen gaben, waren natürlich diakritische Zeichen ein Fremdwort. Seither wird – obwohl auf der Geburtsurkunde handschriftlich berichtigt – mein Name in allen offiziellen Dokumenten „Jiri“ statt „Jiří“ geschrieben. Der Übersetzer hatte mich noch gefragt, wie ich den ungewöhnlichen Namen transkribiert haben wolle. Ich hatte mich für die Variante entschieden, die die russische Wikipedia für meinen Namen verwendet. Ich erklärte dem Beamten die Umstände. „Das ist ein Problem“, erwiderte er mit durchaus verständnisvoller Miene. Er ließ sich jedoch nicht weiter aus der Ruhe bringen und glich weiter die Zeugnisse mit den Übersetzungen ab. Ich dachte schon, das „Problem“ ließe sich mit TippEx lösen, doch als er fertig war, eröffnete er mir, dass ich die Dokumente ändern lassen müsse. Ich sah schon das ganze Vorhaben wegen Zeitmangel scheitern, doch fragte ich sicherheitshalber einmal nach: „Brauche ich dazu einen neuen Termin?“ – „Nein. Kommen Sie einfach wieder her“, antwortete er und gab mir einen handschriftlichen Zettel, auf dem „Окно 1“ (Schalter 1) und sein Name stand. Ich hätte ihn umarmen können vor Erleichterung! Um eine weitere Fahrt nach Frankfurt zu vermeiden, hatte ich nun etwa zweieinhalb Stunden Zeit, die Dokumente zu ändern, neu auszudrucken und nochmal vorzulegen. Ohne Cloudspeicher ein Ding der Unmöglichkeit, doch so konnte ich dies glücklicherweise bei Volker im Büro erledigen, das sich etwa 15 Straßenbahnminuten entfernt befand. Also nichts wie los, meinen Namen auch auf kyrillisch falsch tippen, alles ausdrucken und zum Konsulat zurückfahren! Etwa 15 Minuten vor Ende der Öffnungszeit hielt ich schließlich meine beglaubigten Übersetzungen in der Hand. Die einzige weitere Herausforderung hatte darin bestanden, ohne Smartphone und Buch (Rucksack verboten!) eine Dreiviertelstunde zu warten. Für Kinder hatten sie netterweise Malfarben ausgelegt, aber an Erwachsene hat keiner gedacht. Doch egal, ich hatte meine Dokumente!