Exploring Ismajlowo

Am Sonntag habe ich mich in meinem neuen Stadtbezirk umgeschaut. Ismajlowo geht auf eine altes Dorf zurück, das seit dem 14. oder 15. Jahrhundert existiert hat. Die erste schriftliche Erwähnung war 1571. Unter Zar Alexej I. entstanden auf einer künstlichen Insel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Schloss und die bis heute erhaltene Fürbitte-Kathedrale. An dieser Hauptattraktion des Bezirks war ich bislang jedoch noch nicht. Es gibt auch einen Kreml in Ismajlowo, doch auch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Seihe heutige Gestalt nahm Ismaijowo im 20. Jahrhundert an. 1925 erreichte die Straßenbahn den Ort. Es entstanden bis zum Zweiten Weltkrieg zahlreiche Wohnsiedlungen mit Mehrfamilienhäusern, von denen noch heute viele erhalten sind. Dazwischen mischen sich Bauten aus Chruschtschows und Breschnews Zeiten sowie hier und da postsowjetische Wohnblocks. Der Bezirk ist recht grün, im Süden schließt direkt der Ismajlowski Park an, ein ausgedehntes, bewaldetes Erholungsgebiet mit mehreren Seen.

Direkt unten in meinem Haus befindet sich ein Lebensmittelladen, in der Straße gibt es noch mehr Geschäfte sowie ein Denkmal aus Sowjetzeiten, das keinerlei Anschrift trägt. Die Jetztzeit verkörpert die allgegenwärtige Kette Domino’s Pizza.

Die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen heißen alle Parkowaja Ulitsa und sind durchnummeriert, hier die neunte, die direkt zur Metrostation Perwomajskaja an der gleichnamigen Hauptstraße führt.

Auf der Perwomajskaja verkehren mehrere Straßenbahnlinien und der Trolleybus. In den Nebenstraßen hängen noch die Oberleitungen, doch die dortigen Trolleybuslinien wurden zugunsten von Dieselbussen stillgelegt. Außerdem ist die Perwomajskaja die Haupteinkaufsstraße des Bezirks mit zahlreichen kleinen Läden, Restaurants, Irish Pub und dem Einkaufszentrum Ismajlowskij. Das westliche Ende Ismajlowos markieren zwei markante hohe Häuser, die vermutlich aus den 1930e-Jahren stammen. Sie waren mir bereits aufgefallen, als ich mit Igor zur Wohnungsbesichtigung hierher gefahren war. Ebenfalls markant sind die beiden alles überragenden, weiß-braunen Wohnblocks. In deren unteren Geschossen befindet sich das besagte Einkaufszentrum.

Der Turm in der neunten Parkowaja Ulitsa gehört zu einer ehemaligen Feuerwehrwache, wie mir mein Kollege Nikolai verriet. An derselben Straße befinden sich auch das Einkaufszentrum Perwomajskij und ein Pjatjorotschka-Supermark in einem etwas eigenartigen Gebäude.

Bilder aus dem Park und von der künstlichen Insel folgen.

Nochmal um den Block

Am Mittwoch war abends traumhaftes Wetter, weshalb ich nach der Arbeit noch einmal planlos mit der Kamera loszog. Zunächst machte ich ein paar Busfotos an der Haltestelle vor der Haustür, ATS (Awtomatitscheskaja telefonnaja stanzia). Zu sehen gab es einen SVARZ-Trolleybus, einen LIAZ-Gelenkbus und eine Iveco-Marschrutka. Weiter die 26 Bakinskich Kommissarow hinauf, an der Kreuzung mit dem Leninskij Prospekt, waren mehrere architektonische Highlights zu entdecken. Noch aus Sowjetzeiten stammt das Gebäude, in dem sich die Raiffeisenbank befindet. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung steht eine beeindruckende Wohnanlage, die auf den ersten Blick nach Brutalismus aussieht. Schaut man jedoch genau hin, entpuppt sich die Fassade als gekachelt. Der Bau dürfte recht jung sein und gefiel mir mit seiner Anlehnung an den Brutalismus der 1970er-Jahre ausgesprochen gut. Zurück ging es dann ein Stück durch den Troparewo-Beresowaja-Roschtscha-Park.

Kurz vor meinem Haus entdeckte ich noch einen mir bislang unbekannten Awoska-Supermarkt. Da ich ohnehin einkaufen wollte, ging ich gleich hinein. Beim Betrachten der obskuren Biersorten fragten mich zwei Damen, ob ich mich auskenne. Sie waren auf der Suche nach gutem deutschem oder tschechischem Bier. Ich denke, mit Spaten und Kozel waren sie ganz gut bedient. Selber erfreute ich mich an deutschen Bieren wie „Schlitz Premium Helles“, was wohl nur für den Exportmarkt produziert wird. Ebenfalls amüsant waren die Schnitzel „Minister Art“, wobei es sich um völlig banale panierte Schnitzel gehandelt hat.

Zuletzt machte ich noch ein Foto von meinem Haus, solange ich noch hier wohnte. Am Donnerstag sollte es dann auf Wohnungssuche gehen.

Jagd auf Tatras

Bei meinem letzten Besuch in Moskau im Februar hatte ich an der Wendeschleife bei der Metro Wojkowskaja noch einen Tatra-T3-Straßenbahnwagen gesehen, jedoch nicht mehr erwischt. Die Fahrzeuge aus tschechoslowakischer Produktion fuhren einst in unzähligen Städten von Magdeburg bis Taschkent, sind aber heute vor allem in Westeuropa rar geworden. Am Sonntag wollte ich schauen, ob ich nun mehr Glück haben würde. Die nächste Straßenbahnhaltestelle von meiner Unterkunft aus ist an der Universität, zwei Metrostationen stadteinwärts. Um etwas von der Stadt zu sehen, fuhr ich jedoch lieber mit der Trolleybuslinie M4 dorthin. Die hält hier direkt vor dem Haus. Das Wetter war etwas besser als am Samstag, jedoch immer noch durchwachsen.

Ich fuhr bis zum Lomonosowskij Prospekt und ging den Rest bis zur Wendeschleife an der Universität zu Fuß, immer den Gleisen entlang. Ich musste nicht lange auf einen Tatra warten und bald zeigte sich, dass hier mehr als die Hälfte aller Kurse mit den Klassikern gefahren werden. Zunächst mangelte es eher an gutem Licht.

Das erste, was mir bei Sonnenschein vor die Kamera kam, war ein 71-619A in Nationalfarben-Outfit. In der viergleisigen Wendeschleife standen dann gleich drei Tatras nebeneinander! Auf der anderen Straßenseite zog derweil ein Bauwerk mein Interesse auf sich, der 1971 eröffnete Große Moskauer Staatszirkus. Nachdem hier alles fotografiert war, entschied ich mich, ein paar Stationen zu fahren und an der nächsten schönen Stelle wieder auszusteigen.

Das war schon wenige hundert Meter weiter, an der Haltestelle Tschernomuschinski Rynok. Neben Tatras begegnete mir hier noch ein 71-619A in Latte-macchiato-Design. Später erfuhr ich von meinem örtlichen Bahnfreak-Kollegen Michail, dass diese Ecke eines der letzten Rückzugsgebiete der Tatras in Moskau ist und nirgendwo sonst so viele zum Einsatz kommen.

Auf dem Rückweg erblickte ich aus dem Fenster des Trolleybusses ein brutalistisches Gebäude, das ich mir näher ansehen wollte. Ich musste ein ganzes Stück zurück gehen und als ich davor stand, sah ich, dass es das Goethe-Institut war. Der Bau gefiel mir außerordentlich gut. Einen weiteren Stop machte ich bei der Shoppingmall „RIO“.

Zuletzt drehte ich noch eine Runde um den Block in der 26 Bakinskich Kommissarow, in der mein gegenwärtiges Zuhause ist. Vor dem Pjatjorotschka hatten, wie schon die letzten Tage, zwei Frauen ihren Kleidermarkt aufgebaut. Auf der Hinterseite des Ladenzentrums entdeckte ich den Eingang zu einem kleiden Biergeschäft, das allerdings geschlossen war. Doch dazu später mehr.