Bier holen auf Russisch

Am Montag nach der Arbeit schaute ich bei dem tags zuvor entdeckten Biergeschäft im örtlichen Ladenzentrum vorbei. Eine dunkle Treppe führt an der hinteren Ecke desselben hinunter in den Keller. Ein älterer Typ saß dort mit einem Bierglas am Tresen, ein jüngerer stand dahinter. Was sie für Sorten auf Lager hätten, fragte ich. Es gab neben dem allgegenwärtigen Schiguljewskoje auch ein IPA, „Irish Ale“, „Weiss Berg“ (vermutlich ein Weißbier) und diverses mehr. Als ich ihnen erzählte, dass ich aus Deutschland komme, meinten Sie, ich müsse unbedingt das Pils probieren. Also gut, einen Liter Pils und einen Liter Schiguljewskoje bitte! Für deutsche Gewohnheiten etwas befremdlich ist, dass das Bier aus der Zapfanlage in Plastikflaschen abgefüllt wird. Geschmeckt haben beide recht gut. Für russische Verhältnisse war das Pils tatsächlich recht herb, beide waren typisch süffig, wie man es in Russland gewohnt ist. Beim nächsten Mal werden die obskureren Sorten probiert.

Jagd auf Tatras

Bei meinem letzten Besuch in Moskau im Februar hatte ich an der Wendeschleife bei der Metro Wojkowskaja noch einen Tatra-T3-Straßenbahnwagen gesehen, jedoch nicht mehr erwischt. Die Fahrzeuge aus tschechoslowakischer Produktion fuhren einst in unzähligen Städten von Magdeburg bis Taschkent, sind aber heute vor allem in Westeuropa rar geworden. Am Sonntag wollte ich schauen, ob ich nun mehr Glück haben würde. Die nächste Straßenbahnhaltestelle von meiner Unterkunft aus ist an der Universität, zwei Metrostationen stadteinwärts. Um etwas von der Stadt zu sehen, fuhr ich jedoch lieber mit der Trolleybuslinie M4 dorthin. Die hält hier direkt vor dem Haus. Das Wetter war etwas besser als am Samstag, jedoch immer noch durchwachsen.

Ich fuhr bis zum Lomonosowskij Prospekt und ging den Rest bis zur Wendeschleife an der Universität zu Fuß, immer den Gleisen entlang. Ich musste nicht lange auf einen Tatra warten und bald zeigte sich, dass hier mehr als die Hälfte aller Kurse mit den Klassikern gefahren werden. Zunächst mangelte es eher an gutem Licht.

Das erste, was mir bei Sonnenschein vor die Kamera kam, war ein 71-619A in Nationalfarben-Outfit. In der viergleisigen Wendeschleife standen dann gleich drei Tatras nebeneinander! Auf der anderen Straßenseite zog derweil ein Bauwerk mein Interesse auf sich, der 1971 eröffnete Große Moskauer Staatszirkus. Nachdem hier alles fotografiert war, entschied ich mich, ein paar Stationen zu fahren und an der nächsten schönen Stelle wieder auszusteigen.

Das war schon wenige hundert Meter weiter, an der Haltestelle Tschernomuschinski Rynok. Neben Tatras begegnete mir hier noch ein 71-619A in Latte-macchiato-Design. Später erfuhr ich von meinem örtlichen Bahnfreak-Kollegen Michail, dass diese Ecke eines der letzten Rückzugsgebiete der Tatras in Moskau ist und nirgendwo sonst so viele zum Einsatz kommen.

Auf dem Rückweg erblickte ich aus dem Fenster des Trolleybusses ein brutalistisches Gebäude, das ich mir näher ansehen wollte. Ich musste ein ganzes Stück zurück gehen und als ich davor stand, sah ich, dass es das Goethe-Institut war. Der Bau gefiel mir außerordentlich gut. Einen weiteren Stop machte ich bei der Shoppingmall „RIO“.

Zuletzt drehte ich noch eine Runde um den Block in der 26 Bakinskich Kommissarow, in der mein gegenwärtiges Zuhause ist. Vor dem Pjatjorotschka hatten, wie schon die letzten Tage, zwei Frauen ihren Kleidermarkt aufgebaut. Auf der Hinterseite des Ladenzentrums entdeckte ich den Eingang zu einem kleiden Biergeschäft, das allerdings geschlossen war. Doch dazu später mehr.

Erster Einkauf

Am Nachmittag ging es noch schnell zu Pjatjorotschka, um ein paar Lebensmittel zu kaufen. Wasser, Bier, Kefir, Milch, Brot, Wurst, Käse und ein paar tschuwaschische Pralinen. Aus Neugier holte ich mir als Abendessen noch ein „Business Menü“. Man kennt diese Instantgerichte vor allem als Proviant bei Reisen mit russischen Nachtzügen, Nudelsuppe oder Kartoffelbrei mit Huhn oder Rind. Dank des dort stets vorhandenen Samowars lassen sie sich da einfach zubereiten. Hier war es Rindfleisch mit Nudeln und es kamen neben einer Glibbermasse sogar ein paar mikroskopische Filetstücke aus dem Alubeutel. Dazu abchasischer Rotwein „Cabernet Suchumskoje“. Geschmeckt hat es gar nicht so furchtbar wie es aussieht, doch noch am nächsten Morgen hat die Küche nach Glutamat gerochen. Sonntagabend gab es dann etwas Anständiges.

Um den Block

Nachdem ich eingecheckt hatte und kurz unter die Dusche gesprungen war, drehte ich eine Runde um meine Unterkunft. Direkt vor dem Haus befindet sich ein kleines Ladenzentrum mit Pjatjorotschka-Supermarkt und weiteren Geschäften. Keine 300 Meter weiter in Richtung Metrostation gibt es ein weiteres. Unten am Prospekt Vernadskogo steht ein beeindruckendes Wohnhochhaus, jenseits der Straße befindet sich eine der unzähligen Moskauer Shoppingmalls, „Avenue Southwest“.

Mit dem EuroNight 453 nach Moskau

„Mit dem Zug ist natürlich krass“, schrieb meine zukünftige Chefin, als ich ihr von meinen Plänen für die Anreise berichtete. So ist auch in Deutschland fast nur Eisenbahnfreaks bekannt, dass die Russische Staatsbahn mehrere Schlafwagenzüge nach Westeuropa anbietet. Neben dem „Strizh“ von Berlin nach Moskau und dem „Polonez“ von Warschau nach Moskau sind dies noch der nur im Sommer verkehrende „Nizza“ von ebenda über Milano, den Brenner, Linz und Ostrava nach Moskau und der EN 452/453, der von Paris über Berlin, Warschau und Minsk ebenfalls die russische Hauptstadt ansteuert. Diesen Zug buchte ich für meine Reise nach Moskau. Der rationale Grund hierfür war, dass sich so das ganze Gepäck leichter und günstiger transportieren ließ. Dazu kam jedoch – und das war noch viel eher ausschlaggebend – dass mir die Fahrt mit dem Zug deutlich angenehmer ist. Ich bekomme ein Gefühl für die überwundene Entfernung, die im Flugzeug völlig verloren geht. Nicht zuletzt zähle ich selbst zu den Eisenbahnfreaks. Daher war es auch nicht meine erste Fahrt mit diesem Zug, ich hatte ihn kurz vor Neujahr schon einmal genommen.

Die Reise begann zuhause in Stuttgart. Also es war bei der Abfahrt nicht mehr so richtig mein Zuhause, denn ich hatte soeben die Schlüssel meinen Mietern übergeben. Mein Vater holte mich im Suzuki Samurai ab und wir fuhren durch das sommerliche Strohgäu zunächst nach Mönsheim in mein Elternhaus. Dort gab es noch ein Abendessen zum Abschied und dann ging es weiter nach Karlsruhe, wo der EN 453 auf dem Weg von Paris nachts um 00:52 Uhr Halt macht. Auf dem Weg besorgten wir noch zwei Dosen Stuttgarter Hofbräu an der Tankstelle in Wurmberg, die mir bis heute etwas surreal erscheint, da ich die Stelle stets als Obstwiese in Erinnerung habe. Gegen Mitternacht kamen wir am Karlsruher Hauptbahnhof an, der sich um diese Zeit schon recht ausgestorben zeigte. Die letzten Geschäfte machten gerade dicht. Zwischen einer Regionalbahn nach Mannheim und der S32 nach Menzingen wirkte der EN 453 nach Moskau ziemlich obskur auf dem Zugzielanzeiger. Wir tranken unser Bier und beobachteten die vorbeifahrenden Güterzüge und einen späten ICE, der aus Kiel einlief. Bislang war dieser Bahnhof mit seiner Bahnsteighalle aus Stahlbögen für mich meist eine Station auf kurzen Dienstreisen, morgens hin, am Nachmittag zurück. Als Ausgangspunkt für eine Reise in einen neuen Lebensabschnitt war er eigentlich viel zu banal. Das war vielleicht gar nicht verkehrt so. Der Zug rollte heran, es bildete sich eine kleine Traube um die Provodniza, etwa fünf weitere Fahrgäste stiegen hier in Wagen 256 ein. Wir verabschiedeten uns, wobei ich vollauf mit meinen vier Gepäckstücken beschäftigt war.

Mein Viererabteil war bis Karlsruhe leer gewesen, eine ältere Dame war ebenfalls hier eingestiegen. Sie versuchte gerade herauszufinden, welches ihr Platz war. Meiner war die Nummer 36, eine der oberen Liegen. Sie hatte den unteren auf der gegenüberliegenden Seite. Die Provodniza, wie russischen Schlafwagenschaffnerinnen genannt werden, sagte uns, dass in Berlin weitere Fahrgäste einsteigen würden. Ich hoffte, dass die nicht auch so viel Gepäck haben würden wie ich. Meine zwei Koffer verstaute ich unter der unteren Liege, den Reiserucksack stellte ich mitten auf den Boden und die Tasche mit Proviant, Laptop und Kulturbeutel musste wohl oder übel bei mir im Bett Platz nehmen.

Meine Mitreisende hieß Nina und sprach nur Russisch, was eine gute Gelegenheit zum üben war. Sie hatte ihre Tochter in der Nähe von Böblingen besucht und war nun auf dem Heimweg nach Minsk. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und legten uns schließlich gegen halb zwei schlafen.

Gulaschsuppe und Tyskie im Speisewagen

Ich wachte erst auf, als wir schon durch die Vororte von Berlin rollten. Beim letzten Mal war der Zug noch über Halle und den unteren Teil des Berliner Hauptbahnhofs gefahren. Nun fuhr er über Erfurt und hielt nur noch in Berlin-Lichtenberg. Dort hatte er einen planmäßigen Aufenthalt von 19 Minuten, in denen die Lok gewechselt wurde. Bis hierher waren wir mit einer 101 der Deutschen Bahn unterwegs, bis zur weißrussischen Grenze übernahm nun eine Mehrsystemlokomotive der Reihe EU 44 „Husarz“ der Polnischen Staatsbahn PKP. Da wir mit etwas Verspätung angekommen waren, traute ich mich nicht vom Bahnsteig weg. Wer wusste, ob der Lokwechsel wirklich 19 Minuten dauern würde. Das Lokpersonal beruhigte mich aber, es war noch genug Zeit, beide Maschinen zu fotografieren und dann gemütlich zu meinem Wagen zurückzulaufen. Als ich wieder im Abteil ankam, war ein Ehepaar zugestiegen. Sie waren etwas ratlos angesichts meiner vielen Gepäckstücke, da sie auch noch einige Koffer und einen Flachbildfernseher dabei hatten. Von nun an durfte ich mein Bett also auch noch mit meinem Reiserucksack teilen.

Wie sich bald herausstellte, hießen die beiden Irma und Sascha, waren die beiden Spätaussiedler und lebten in Berlin. Sie waren auf dem Weg nach Tula, ihrer Heimatstadt, wo sie seine Mutter besuchten. Ebenfalls im Zug war ihr Freund Eduard, ein pensionierter Bergarbeiter, der nach Tula fuhr, um seine Familie zu besuchen. Irma sprach als einzige Deutsch und konnte mir hin und wieder übersetzen. Nach einer lebhaften Unterhaltung über das Schicksal der Russlanddeutschen, die Kohleminen von Tula und die Rentenniveaus hier und da begab ich mich in den polnischen Speisewagen. Dieser ist nur von Paris bis Warschau im Zug, was an den Einfuhrbeschränkungen für Lebensmittel liegt. Ab Brest ist dann ein russischer Speisewagen im Zug.

Ich erkannte die Bedienstete vom letzten Mal wieder. Sie hieß Ewa und ist immer in diesem Zug unterwegs, wie sie erzählte. Die Polin spricht fließend Russisch, dazu Deutsch und Englisch. Ich bestellte mir eine Gulaschsuppe und ein Tyskie, welches mir serviert wurde, als wir gerade die Weichsel bei Toruń überquerten. Die Suppe schmeckte typisch osteuropäisch, reichhaltig und deftig, mit ordentlich Fleisch drin. Nach diesem Mittagessen erreichten wir schon bald den Bahnhof Iława Główna, in dem ein Aufenthalt zum Richtungswechsel anstand. Bei Fotografieren der Lok kam ich mit einem Australier ins Gespräch. Er war mit seiner Frau auf großer Europatour durch aller Herren Länder, darunter England, Irland, Frankreich, Russland, Lettland, Kroatien und Slowenien. Sie fuhren die ganze Strecke von Paris bis Moskau. Wir verabredeten uns für den Abend im russischen Speisewagen.

In Warschau (Bahnhof Warszawa Wschodnia) stand schon bald der nächste Rangieraufenthalt an. Hier wurde der polnische Speisewagen ausgereiht und abermals die Fahrtrichtung gewechselt. Das bot genug Zeit, sich in der Bahnhofshalle mit Proviant einzudecken und nebenbei noch den Alltagsbetrieb auf einem quirligen polnischen Großstadtbahnhof zu beobachten. Bis zur Außengrenze der EU war es nun noch etwa zwei Stunden. Die Sonne war schon am untergehen als wir den riesigen Güterbahnhof Małaszewicze passierten, an dem Waren von russischer Breitspur auf die europäische Normalspur umgeladen werden. Kurz darauf folgte auch schon der polnische Grenzbahnhof Terespol. Die Passkontrolle verlief recht unspektakulär. Im nur wenige Kilometer entfernten Brest dann die weißrussische Passkontrolle, die etwas länger dauerte. Ich als einziger ohne weißrussischen oder russischen Pass im Abteil musste meine Migrationskarte ausfüllen.

Das Problem mit dem Einreisestempel

Da zwischen Weißrussland und Russland ähnlich dem Schengen-Raum keine Grenzkontrollen stattfinden, bekommt man als Angehöriger eines Drittstaats zum Zug nur einen weißrussischen Einreisestempel, auch wenn man nach Russland weiterreist. Laut der Botschaft der Russischen Föderation ist der Landweg aufgrund der fehlenden Kontrolle nicht erlaubt. Für Flughäfen gibt es Ausnahmeregelungen, für den Eisenbahnverkehr gibt es eine immer wieder zitierte Duldung des russischen Verkehrsministeriums. Die Frage, ob man nun illegal handelt, wenn man als Nichtrusse diesen Zug benutzt, sorgt in einschlägigen Internetforen regelmäßig für lange Diskussionen und Spekulationen. Mir ist jedoch kein einziger Bericht bekannt, wonach jemand Ärger bekommen hätte, der im „Strizh“ oder im EN 452/453 Weißrussland ohne Ausstieg und mit gültigem Transitvisum durchquert hat. Ob die Gruppe niederländischer Touristen in unserem Wagen sich wohl je mit der Frage beschäftigt hat? Oder die Australier? Ich habe leider nicht daran gedacht, sie zu fragen. Vielleicht besser so, es hätte sie wohl nur unnötig verunsichert.

Vom Personenbahnhof Brest ging es zunächst rückwärts in eine Halle auf dem Bahngelände. In zahlreichen Rangierbewegungen wurde der Zug in seine einzelnen Wagen zerlegt, welche dann für den Wechsel der Drehgestelle aufgebockt wurden. Die Fahrgäste blieben bei dieser etwa zweistündigen Prozedur im Zug. Die Russen führten ihre Unterhaltungen fort, die Touristen schauten aufgeregt den Arbeitern zu, wie sie die neuen Drehgestelle auf dem Vierspurgleis heranschoben oder mittels eines Portalkrans Metallteile heranschafften. Einer der Niederländer bettelte den Provodnik an, ob er ihn für ein Foto kurz vor die Tür lasse, doch der ließ nicht mit sich verhandeln.

Nach und nach wurden die Waggons von einer Rangierlok wieder zu einem Zug zusammengesetzt und es ging zurück in den Bahnhof von Brest. Kurz nach der Abfahrt öffnete der russische Speisewagen, wo ich Don und Kursty aus Melbourne traf. Bei verschiedenen Bieren aus Russland und Deutschland erzählten die beiden von ihrer Reise, die mehrere Monate ging und auf einer Hochzeit in England enden sollte. Sie hatten dafür ihr Haus untervermietet. Einer ihrer Söhne war gleichzeitig auf einer anderen Route in Europa unterwegs. Ich erfuhr einiges über Australien, etwa dass es dort deutsche Siedlungen gibt, was mir bis dahin völlig unbekannt war. Wo eigentlich nicht? Es war ein sehr interessanter und netter Abend.

Da Nina nachts in Minsk ausstieg, legte ich meinen Rucksack ins untere Bett gegenüber, um endlich mal wieder ausgestreckt liegen zu können. Das war allerdings keine besonders schlaue Idee, denn morgens um 6 weckte mich der Provodnik mit der Frage, ob das mein Rucksack sei. In Smolensk war noch ein Mädchen eingestiegen, dass natürlich keine Lust hatte, sich das Bett mit einem Reiserucksack zu teilen. Also hievte ich ihn wieder hinauf und legte mich dazu. Als ich das nächste Mal aufwachte, waren wir schon recht nah an Moskau. Beim Provodnik mit seiner langsamen Kaffeemaschine bildete sich eine Schlange, da die ganzen Niederländer Kaffee haben wollten. Für ein Frühstück im Speisewagen reichte es noch. Da es keine Eier mehr gab, wurden es statt eines Omeletts Blini mit Marmelade. Dann hieß es auch schon zusammenpacken. Am Bahnsteig machte ich noch ein Foto von Kursty und Don und nahm dann ganz dekadent den völlig überteuerten Gepäckwagen-Service in Anspruch, um mich zum ebenfalls völlig überteuerten Taxi zu begleiten.

Am Ziel

Die Suche nach meiner über Booking.com gebuchten Unterkunft für die ersten Tage erwies sich etwas schwierig, zumal sich herausstellte, dass die angegebene Adresse die der Firma war und nicht die meiner Wohnung. Nach einigem hin und her fanden wir schließlich das Haus, ein 16-stöckiger Wohnblock in der Nähe der Metrostation Jugo-Sapadnaja, so typisch Moskau wie nur irgendwie geht. Es war recht diesig und schwül, ein leichter Wind zog durch die offenen Fenster meines Zimmers in einer Wohnung im neunten Stock. Aus dem Fenster blickte ich auf unzählige weitere Wohnblocks, umsäumt von endlosem Grün der dazwischen stehenden Bäume, auf der vierspurigen Straße fuhren Trolleybusse. Ich war am Ziel!


Wer mit dem Zug nach Moskau reisen möchte, kann die Tickets direkt auf der englischsprachigen Website der Russischen Eisenbahn bestellen. Tickets zweiter Klasse ab Karlsruhe kosten etwa 19.000 Rubel, was ungefähr 260 Euro entspricht. Neben einem russischen Visum braucht es auch ein weißrussisches Transitvisum.

„Das ist ein Problem.“ – Beim Generalkonsulat in Frankfurt

Meine erste Begegnung mit der russischen Bürokratie sollte schon einige Wochen vor meinem Aufbruch nach Moskau stattfinden. Für ein Arbeitsvisum musste ich beglaubigte Übersetzungen meiner Hochschulzeugnisse anfertigen lassen. Dazu brauchte ich einen Termin beim Generalkonsulat der Russischen Föderation in Frankfurt am Main. Da ich schon befürchtet hatte, dass ich auf eine Antwortmail lange warten würde, versuchte ich es am Telefon. Da begrüßte mich allerdings nur eine Bandansage, die mir dieselben Informationen vortrug, die ich ohnehin schon der Website entnommen hatte. Eine andere Telefonnummer gab es nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als es doch per Mail zu versuchen. Als ich dies meinem zukünftigen Kollegen Daniel erzählte, meinte er nur: „Ich würde da Telefonterror probieren.“ Nun, das war leider keine Option. Nach einigen Wochen, ich hatte nicht mehr damit gerechnet, kam jedoch tatsächlich eine Antwort mit einem Terminvorschlag. An einem Montag Ende April sollte ich mich morgens um 10:10 Uhr im Generalkonsulat an der Eschenheimer Anlage einfinden. Da mein Freund Volker im Frankfurter Nordend wohnt, konnte ich entspannt bei ihm Übernachten und vorher noch einmal gemeinsam Grüne Soße essen und ein paar Bembel Apfelwein leeren.

Volker begleitete mich am Morgen noch bis zum Konsulat. Ich hatte eine Nummer bekommen, die ich am Eingang vorzeigen sollte. Unterwegs fiel mir noch ein, dass ich gelesen hatte, dass man Mobiltelefone im Gebäude des Konsulats nicht benutzen dürfe. Natürlich hatte ich die Nummer auf meinem Telefon. Ich versuchte noch, sie auswendig zu lernen, zog es dann aber vor, in einer Apotheke nach einem Kugelschreiber zu fragen. Denn meinen Rucksack hatte ich nicht dabei, Rucksäcke waren nämlich auch verboten und es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man diese auch nirgends verstauen könne.

Der Eingang des Konsulats war offensichtlich am Oeder Weg, auf meiner Einladung stand jedoch die Eschenheimer Anlage, die Straße auf der anderen Seite des Gebäudes. Ich klingelte dort und bekam nur zu hören: „Anderer Eingang.“ Also ums Gebäude rum zu der kleinen Schlange, die ich schon vorhin gesehen hatte. Volker vermutete, dass sie die Escheneimer Anlage angeben, weil sie etwas mondäner klingt als der Oeder Weg. Durchaus vorstellbar. Hinter mir kam ein junger Typ, der mich fragte, ob man hier denn einen Termin brauche, er hätte gerne ein Visum. Der hatte Nerven, aber natürlich. Ich dagegen wurde von dem Portier in blau-weißem Anzug eingelassen und sollte zu Schalter 1. Immerhin musste man für diesen keine Nummer ziehen. Nach einer gewissen Wartezeit war ich an der Reihe und legte dem mit weißem Hemd und Krawatte gekleideten Beamten meine Dokumente vor, Original und Übersetzung.

„Sie heißen hier ‚Jiri‘ und hier ‚Иржи‘ (sprich ‚Jirschi‘). Da hatte ich wieder einmal den Salat mit meinem Namen. Als meine Eltern mit vor knapp vier Jahrzehnten in einem Stuttgarter Standesamt einen tschechischen Vornamen gaben, waren natürlich diakritische Zeichen ein Fremdwort. Seither wird – obwohl auf der Geburtsurkunde handschriftlich berichtigt – mein Name in allen offiziellen Dokumenten „Jiri“ statt „Jiří“ geschrieben. Der Übersetzer hatte mich noch gefragt, wie ich den ungewöhnlichen Namen transkribiert haben wolle. Ich hatte mich für die Variante entschieden, die die russische Wikipedia für meinen Namen verwendet. Ich erklärte dem Beamten die Umstände. „Das ist ein Problem“, erwiderte er mit durchaus verständnisvoller Miene. Er ließ sich jedoch nicht weiter aus der Ruhe bringen und glich weiter die Zeugnisse mit den Übersetzungen ab. Ich dachte schon, das „Problem“ ließe sich mit TippEx lösen, doch als er fertig war, eröffnete er mir, dass ich die Dokumente ändern lassen müsse. Ich sah schon das ganze Vorhaben wegen Zeitmangel scheitern, doch fragte ich sicherheitshalber einmal nach: „Brauche ich dazu einen neuen Termin?“ – „Nein. Kommen Sie einfach wieder her“, antwortete er und gab mir einen handschriftlichen Zettel, auf dem „Окно 1“ (Schalter 1) und sein Name stand. Ich hätte ihn umarmen können vor Erleichterung! Um eine weitere Fahrt nach Frankfurt zu vermeiden, hatte ich nun etwa zweieinhalb Stunden Zeit, die Dokumente zu ändern, neu auszudrucken und nochmal vorzulegen. Ohne Cloudspeicher ein Ding der Unmöglichkeit, doch so konnte ich dies glücklicherweise bei Volker im Büro erledigen, das sich etwa 15 Straßenbahnminuten entfernt befand. Also nichts wie los, meinen Namen auch auf kyrillisch falsch tippen, alles ausdrucken und zum Konsulat zurückfahren! Etwa 15 Minuten vor Ende der Öffnungszeit hielt ich schließlich meine beglaubigten Übersetzungen in der Hand. Die einzige weitere Herausforderung hatte darin bestanden, ohne Smartphone und Buch (Rucksack verboten!) eine Dreiviertelstunde zu warten. Für Kinder hatten sie netterweise Malfarben ausgelegt, aber an Erwachsene hat keiner gedacht. Doch egal, ich hatte meine Dokumente!